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Die Lasagne und der Skandal

VON IN Essays, Tierschutz On 15-02-2013

Bild: A.S. / pixelio

Falsch deklarierte Inhaltsstoffe in Billigst-Produkten beim Discounter sind natürlich ein Unding, geradezu kriminell. Niemand rechnet damit, dass Produzenten solcher Ware unehrlich sind. Ein Skandal, ein Skandal! Weswegen eigentlich?

Ist es ein Skandal, weil den Konsumenten Rindfleisch vorgegaukelt und Pferdefleisch verkauft wurde?

Einem Konsumenten, dem man heute wirklich jeden Schindluder anbieten kann; der eigentlich alles isst, Hauptsache es passt in seinen normierten Einheitsgeschmack?

Einem Konsumenten, der Geschmacksverstärker in Mengen zu sich nimmt, wie sie in der Tiermast gängig sind, dem Pestizide, Herbizide oder gleich Biozide völlig schnuppe sind, Hauptsache, die Gurke ist schön grün?

Einem Konsumenten, der nahezu jedes natürliche Produkt gegen ein chemisch produziertes oder gentechnisch verändertes austauschen lässt, Hauptsache der Preis stimmt?

Einem Konsumenten, dem die vollständige Produktionskette in ethischer Hinsicht gleichgültig ist, sofern sein Teller voll und seine (Ess-)Lust befriedigt wird?

Einem solchen Konsumenten ist es natürlich nicht zuzumuten, dass das Fleisch in seiner Lasagne von einem anderen Tier stammt, als ausgezeichnet – wo er doch auch sonst so großen Wert auf die Qualität und die Zusammensetzung seiner Produkte Wert legt.

Oder ist es ein Skandal, dass das Fleisch von Pferden verwendet wurde?

Dem Tier, das wir heute vor Kutschen spannen, durch großstädtischen Straßenverkehr scheuchen, seine Fluchtreflexe ignorieren und in einer ständigen Mischung aus Angst und Stress leben lassen?

Dem Tier, das wir als Rennpferd halten, als „Sportgerät“, das gedopt und permanent an seiner Leistungsgrenze stehend noch in jugendlichem Alter zum Schlachter kommt, weil es auf den Rennbahnen keine Siegeschancen mehr hat, falls es nicht schon längst vorher verletzungsbedingt „not“geschlachtet wurde?

Dem Tier, das wir auf unserem naturnahen Bauernhofurlaub als so süßes Pony kennengelernt haben und das dann nach Saisonende unter erbärmlichsten Umständen nach Südeuropa gekarrt, verkauft und zu Plockwurst verarbeitet wird, weil in der nächsten Saison wieder süße kleine Ponys für uns Urlauber gebraucht werden?

Zwischen den Zeilen dieses so genannten Skandals steht etwas ganz anderes, das einmal mehr von allen Berichterstattern ignoriert wird. Die Ströme der Milliarden von Tieren, die Schlachtmassen, die Verwendung – alle diese Prozesse sind manipulierbar und wenigstens in Teilen kriminell strukturiert. Und sie sind insgesamt krank.

Denkt jemand an die Tiere, die betroffen wären, wenn die Fleischsorte nicht falsch gewesen wäre? Wäre dann alles in Ordnung gewesen? Wenn wir der Logik der Medien folgen, dann müssen wir konstatieren: Ja. Wenn in der Lasagne eine Kuh verarbeitet worden wäre, dann wäre alles in Ordnung.

Die Lasagne wäre immer noch spottbillig, sie wäre voller Zusatzstoffe, Geschmacksverstärker und anderer chemischer Verarbeitungshilfen. Die Kuh konnte ihr Leben lang gequält werden, ohne Tageslicht gehalten, gefüttert mit genmanipulierten Mais, der ihren Stoffwechsel kaputt macht – euphemistisch ‚Kraftfutter’ genannt – durch mehrere Länder gekarrt, hier gemästet, schier endlos transportiert, voller Angst und Stress, dort geschlachtet, da zerteilt und wieder woanders verarbeitet, um schließlich irgendwo in die Lasagne gestopft zu werden. Aber dann wäre ja alles in Ordnung, dann ist ja eine zerhackte Kuh und kein Pferd verarbeitet worden.

Oder ist es ein Skandal, weil ein Medikament im Pferdefleisch nachgewiesen wurde?

Also ein Medikament, das in der Lebensmittelverarbeitung nicht zugelassen ist – anders als die Tonnen an Antibiotika und die zahllosen anderen Medikamente, die in der Massentierhaltung verfüttert werden, weil die Tiere ohne sie den Schlachttag nicht lebend erreichen würden. Und anderes als die zahllosen Medikamente, die wir selber nehmen, weil wir die Folgen unseres Lebenswandels nicht mehr ohne sie in den Griff bekommen.

Wäre der Skandal anders verlaufen, wenn nicht Pferdefleisch sondern Hundefleisch verwendet worden wäre? Vielleicht. Aber wäre das schlimmer? Dass wir manche Tiere essen und andere nicht, ist ausschließlich kulturell geprägt. Das individuelle Leid ist stets dasselbe. Und wer einwendet, dass Pferde oder Hunde höher entwickelt sind, dem möge sein Schweineschinken im Hals steckenbleiben, denn von allen in diesem Essay genannten Tieren hat das Schwein noch die ausgeprägtesten kognitiven Fähigkeiten.

Nutzt diesen Skandal, um darauf aufmerksam zu machen, dass diese gesamte Industrie krank ist. Sie sorgt für milliardenfaches Leid und Tod, macht krank, betrügt den Konsumenten, zerstört unsere Umwelt – weil wir das so wollen, weil wir ihnen alles verzeihen.

Es gibt eine Antwort auf diese Entwicklung: Lebe vegetarisch oder vegan, kaufe nachhaltig und ökologisch schonend, saisonal und regional. Diese kranke Entwicklung lebt von uns Konsumenten – oder sie scheitert an uns Konsumenten.

Jens

Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist,

es wär‘ nur Deine Schuld, wenn sie so bleibt. (Die Ärzte)


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