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von Tierschützern und Tierrechtlern

VON IN Essays, Tierrechte & Essays, Tierschutz On 18-10-2012

Bild: Gerd Altmann / pixelio.de

Ein Appell.

Unseren Lesern sind vielleicht nicht die feinen Unterschiede zwischen Tierschützern und Tierrechtlern bekannt. Mit diesem Essay soll Außenstehenden ein Einblick ermöglicht werden. Das Essay ist aber auch an die Tierschützer und Tierrechtler selbst gerichtet. Vielleicht gelingt es, die eine oder den anderen ein wenig zu öffnen und einen fruchtbaren Boden für das Erkennen der vielen Gemeinsamkeiten zu bereiten.

Den Tierschützern geht es, wie der Name schon sagt, um den Schutz der Tiere. Sie treten für Verbesserungen in der Behandlung von Tieren ein, für eine artgerechtere oder tiergerechtere Haltung. Tierschützer stehen oft dem Umweltschutz sehr nahe, was generell auch den Artenschutz mit einbezieht. Tierschützer setzen sich dafür ein, dass bestimmte Tierarten nicht aussterben und unter besonderen Schutz gestellt werden. Kurz: Tierschützer haben meist die Gesamtheit der Tier- oder Umwelt im Blick. Sie lehnen aber nicht generell die Nutzung von Tieren und Tierprodukten ab. Tierschützer verfügen meist über ein anthropozentrisches Weltbild und schützen die Tierwelt aus Motiven, die den Menschen in das Zentrum der Betrachtung stellen.

Im Gegensatz dazu geht es Tierrechtlern um etwas anderes. Sie vertreten den Standpunkt, dass Tieren gewisse naturgegebene Rechte zustehen. Der Rechtsbegriff ist nicht im juristischen Sinne zu verstehen. Tieren wird das Recht zugeschrieben, dass ihre Bedürfnisse und Interessen berücksichtigt werden. Tierrechtler haben das einzelne Individuum und seine vitalen Interessen im Fokus. Generell ist die Unterscheidung von Tieren in Arten oder Gattungen eher sekundär, im Vordergrund steht die Frage, ob eine Kreatur leidensfähig ist. Wenn diese Frage bejaht werden kann, so ist es zu vermeiden, dem Tier Leid zuzufügen. Ein Tierrechtler zieht meist entsprechende Konsequenzen für seinen Lebenswandel. Sein typisches Weltbild ist am ehesten als pathozentrisch zu verstehen.

Diese beiden Ethikmodelle widersprechen sich grundsätzlich, weil die Zielrichtungen nicht nur verschieden sind sondern sich vielmehr ausschließen. Dies mag auf der philosophischen Gesprächsebene noch ein intellektueller Konflikt sein, aber in den praktischen Konsequenzen der Vertreter der verschiedenen Ethikmodelle liegt der Konfliktstoff.

Die individuellen Konsequenzen bilden das Spannungsfeld, auf dem sich die Konflikte abspielen. Der Tierrechtler argumentiert: Es verstößt gegen die vitalen Interessen eines leidensfähigen Tieres, dass man es tötet, Experimente mit ihm macht, es zur allgemeinen Belustigung vorführt und einsperrt, dass es menschlichen Interessen folgend gezüchtet und geformt wird, um es zu nutzen und auszubeuten. Angesichts dieser Haltung oder treffender ausgedrückt: angesichts dieser Erkenntnis ist es nur konsequent, Produkte und Dienstleistungen, die auf der Ausbeutung von Tieren basieren, zu meiden. Tierrechtler leben daher weitgehend vegan. Sie meiden Produkte, für die Tierversuchen durchgeführt werden, Pelz und Leder, Zirkusse und Zoos und ernähren sich im herkömmlichen Sinne vegetarisch, also unter Vermeidung tierischer Produkte. Die große Mehrheit der Tierschützer geht lange nicht so weit, obwohl auch hier die Zahl der Vegetarier im Vergleich zur Restbevölkerung überdurchschnittlich hoch ist.

Meine persönliche Erfahrung ist, dass Tierrechtler sich sehr viel intensiver mit ethischen Grundsätzen auseinandergesetzt haben, als es üblicherweise bei Tierschützern der Fall ist. Tierrechtler sind sich überwiegend ihres pathozentrischen Weltbildes bewusst, Tierschützer sind sich ihres anthropozentrischen Weltbildes meist nicht bewusst.

Tierschützer haben oft ein tiefes Wissen über biologische Aspekte, über Umweltauswirkungen von Tierpopulationen und andere naturwissenschaftliche Grundlagen. Ihr tendenziell wissenschaftlich geprägter Standpunkt geht häufig über den Wissensstand von Tierrechtlern hinaus, denen wiederum wissenschaftliche Begründungen schlicht egal sind, wenn sie ihren ethischen Idealen widersprechen. Somit werden wissenschaftliche Begründungen von Tierrechtlern oft erst dann erarbeitet, wenn der Widerstandsdruck groß wird.

Vergleicht man die beiden Weltbilder, so ist der Anthropozentrismus schon wegen seines Alters im Vorteil. Der Pathozentrismus ist noch ein vergleichsweise junges Ethikmodell mit einer weniger starken Verbreitung. Seine Vertreter haben nicht die Möglichkeit, sich auf einem über Jahrhunderte gewachsenen Fundament auszuruhen. Dennoch: Alter und Erfahrung sind an sich kein Argumente.

Naheliegend wäre es, beide Blickwinkel zusammenzuführen. Stark verkürzt ist der Handlungshorizont der beiden Gruppen das Wohl der Tiere. Was sich eigentlich perfekt ergänzen könnte, scheitert leider oft. Und es scheitert trotz der riesigen Schnittmengen meist an den Protagonisten selbst, an ihren Ansprüchen an die eigene oder die andere Gruppe.

Ein Beispiel, gelesen in einem Forum: Die Diskussion dreht sich um die Teilnehmer einer Aktion von Sea Shepard, die gegen japanische Walfangschiffe vorgeht, um unter Einsatz ihres Lebens Walen die Flucht ermöglichen zu können und ihnen damit das Leben zu retten. Am Ende werden die Teilnehmer der Aktion diskreditiert, weil ihnen unterstellt wird, an Bord auch „gern mal eine Bockwurst“ zu essen.

Szenenwechsel: in unserer allernächsten Umgebung findet Tierquälerei in einem geradezu biblischen Ausmaß statt, nämlich in den Betrieben der Massentierhaltung, in den Laboren unserer Industrien, in Zuchtbetrieben, in Vereinen zu Sportzwecken und an vielen weiteren Orten. Tierqual wird fein säuberlich verschlossen, die meisten Menschen sehen am Ende der so genannten Wertschöpfungskette stets ein schickes Produkt oder eine tolle Dienstleistung.

Bei allen Unterschieden zwischen Tierschützern und Tierrechtlern ist doch eines gleich: Sie kämpfen mit ihren Mitteln allesamt gegen dieses milliardenfache Unrecht.

Und sie scheitern. Alle.

Denn die Massentierhaltung wird nicht besser. Sie nimmt auch nicht ab. Tierversuche werden ebenfalls ungebremst in schier unvorstellbaren Größenordnungen vorgenommen. Pelz ist gerade wieder auf dem Wege schick zu werden und die Lederproduktion nimmt weiter zu. Zoos, Tierparks, Zirkusse: sie alle handeln mit Wildtieren als wären es gefühllose Waren, gaukeln den Besuchern – verstärkt auch Fernsehzuschauern – eine artgerechte Haltung vor und erzielen Besucherrekorde. Insbesondere das Tierschutzgesetz ist eine Farce, ein Etikettenschwindel besonderer Güte, weil es Tiere nicht schützt sondern Qual und Leid reglementiert und legalisiert. Das Staatsziel Tierschutz, seit zehn Jahren im Grundgesetz verankert: ein trauriger Witz.

Das zentrale Ziel aller, denen das Wohl der Tiere am Herzen liegt, muss es doch sein, die Verdunklung zu beenden, das Unrecht zu zeigen, das permanent ohne Unterbrechungen geschieht. Die gesetzlichen Regelungen müssen als das demaskiert werden, was sie sind. Dieses gigantische Ausmaß der Quälerei funktioniert nur hinter verschlossenen Türen. Die Welle des Protestes würde expotenziell steigen, wenn die Bilder allgegenwärtig wären.

Aber klar ist auch: Der Widerstand derjenigen, die vom millionenfachen Leid der Tiere profitieren ist stark und bestens organisiert. Die Profiteure haben eine stabile wirtschaftliche Basis, einen exzellent funktionierenden Lobbyismus und oft direkten Zugang zur Legislative. Der Tierschutzprozess in Österreich hat gezeigt, dass dieser Zugang auch zur Exekutive und Judikative funktionieren kann. Tierschützer und Tierrechtler werden als klares Feindbild gezeichnet. Die Profiteure der organisierten Ausbeutung von Tieren machen keinen großen Unterschied zwischen Tierschützern und Tierrechtlern, für diesen Personenkreis sind wir alle einfach nur lästig.

Und wir streiten uns über die besseren moralischen Standpunkte, über die konsequentere Umsetzung unserer ethischen Haltungen. Tierschützer werfen Tierrechtlern Extremismus vor, bezichtigen sie der moralischen Besserwisserei. Andersherum wird der Vorwurf der Inkonsequenz laut und geschlussfolgert, dass es den Tierschützern lediglich um eine „bessere“ Form der Ausbeutung ginge und damit zu deren Manifestation.

Wir sollten alle unser Weltbild wieder zurechtrücken, die Unterschiede akzeptieren und zur Kenntnis nehmen, dass der stärkste Gegner nicht in unseren Reihen sitzt. Unsere Kraft brauchen die, die nicht für sich selbst sprechen können oder deren Schreie nicht erhört werden. Es sind Milliarden.

Jens

 


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